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07.09.2026

3 Fragen an … Prof. Dr. Sabine Kasten

Im Interview mit Prof. Dr. Sabine Kasten geht es um die Rolle von Nord- und Ostsee für den Natürlichen Klimaschutz.

Dr. Sabine Kasten ist Professorin für Sedimentdiagenese am Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen und seit 2014 Leiterin der Sektion „Marine Geochemie“ am Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Seit März 2026 ist sie außerdem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Natürlichen Klimaschutz (WBNK). Sie erforscht, wie sich Umweltveränderungen und anthropogene Aktivitäten auf biogeochemische Prozesse, Stoffflüsse und den Kohlenstoffkreislauf in polaren, subpolaren und gemäßigten Küsten- und Meeresregionen auswirken und leistet damit einen Beitrag zur Bewertung von Klimawandelprozessen und marinen Ökosystemveränderungen.

Welche Rolle spielen Meere und Küsten für den Natürlichen Klimaschutz, insbesondere für die deutsche Nord- und Ostsee?

Die Ökosysteme der Nord- und Ostsee sind Hotspots der Biodiversität und ihr guter Zustand ist die Voraussetzung für ein gesundes Küsten- bzw. Schelfmeer. Bewachsene Habitate – wie Salzmarschen, Seegraswiesen und Kelpwälder – bilden durch Photosynthese organische Substanz. Dabei nehmen sie CO2 auf und setzen Sauerstoff frei. Darüber hinaus übernehmen sie wichtige Funktionen als natürlicher Küstenschutz, vor allem bei Extremwetterereignissen wie starken Stürmen und Sturmfluten, die infolge des Klimawandels immer häufiger auftreten. Die bedeutendsten natürlichen langfristigen Kohlenstoffspeicher der Nord- und Ostsee sind aber die Watten und subtidalen, also unabhängig von den Gezeiten immer mit Wasser bedeckten, Schlickflächen. Global speichern sie jährlich zehnmal so viel Kohlenstoff wie alle bewachsenen Küstenhabitate zusammen. Ihre zentrale Rolle als Blue Carbon Habitate und damit als langfristige marine Kohlenstoffsenke wird bisher jedoch nur unzureichend in der Öffentlichkeit wahrgenommen und von politischen und behördlichen Entscheidungsträgern berücksichtigt.

Welche Maßnahmen sind erforderlich, um marine und küstennahe Ökosysteme wie Salzwiesen, Seegraswiesen und Meeressedimente zu schützen, wiederherzustellen und ihre Funktion für den Klimaschutz langfristig zu sichern? 

Der wichtigste Ansatz, um Meeres- und Küsten-Ökosysteme zu schützen, ist es, Störungen des Meeresbodens zu vermeiden. Wenn wir die mobile Grundschleppnetzfischerei, Sedimentbaggerung und -verklappung minimieren, kann der sedimentäre Kohlenstoff langfristig gebunden werden. Der Schutz dieser natürlichen Kohlenstoffspeicher fördert einen intakten Sedimentlebensraum und verhindert zusätzliche CO2-Emissionen.

Der Ausbau von Deichen, Seemauern oder Steinbuhnen schützt Kulturflächen und Siedlungen zwar mittelfristig vor Sturmfluten und Meeresspiegelanstieg. Er schränkt jedoch die Sedimentdynamik und Habitatentwicklung ein und reduziert langfristig die natürliche Anpassungsfähigkeit der Küstenökosysteme. Deshalb sollten wir geeignete Bereiche wiedervernässen, Deiche rückverlegen und Nährstoffeinträge konsequent reduzieren, um so die negativen Auswirkungen des „Coastal Squeeze“ zu reduzieren. Alle Maßnahmen müssen in enger Abstimmung mit konkurrierenden Nutzungen, wie der Landwirtschaft und der Siedlungswirtschaft, durchgeführt werden.

Wenn wir den Meeres- und Küstenschutz konsequent stärken: Welchen Gewinn haben Klima, Natur und Gesellschaft davon in den kommenden 10 bis 20 Jahren?

Resiliente und gesunde Küstenmeere sind wichtig für die Klimaanpassung unter den Auswirkungen des Klimawandels und den Erhalt wichtiger mariner Lebensräume. Ein konsequenterer Schutz der Nationalparkflächen und anderer Meeresschutzgebiete – vor allem der feinkörnigen Sedimente wie Watten und subtidale Schlickflächen – bewahrt und stärkt die natürliche Kohlenstoffspeicherkapazität der Küsten und Schelfmeere. Die Bundesregierung meldet in ihrem nationalen Klimabericht bislang jedoch keine Kohlenstoffspeicherraten aus den Meeren und Küsten. Die Hauptgründe hierfür sind, dass sich die marinen Lebensräume grundlegend von denen an Land unterscheiden und die Methoden zu ihrer Quantifizierung bisher nicht ausreichend standardisiert waren. Die Forschung liefert jedoch inzwischen die wissenschaftlichen und methodischen Grundlagen dafür, die Meere und Küsten künftig in die nationale Treibhausgasbilanzierung einzubeziehen. Die Berücksichtigung der Blue Carbon Habitate kann daher einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der deutschen Klimaziele leisten.

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